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Automatisierung und die proletarische Erfahrung

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Wir leben in einem digitalen Kapitalismus, das ist ziemlich offensichtlich. Aber bedeutet das mehr als nur die Banalität, dass heutzutage mit Digitaltechnik produziert und (mit) Digitaltechnik konsumiert wird? Ob es überhaupt sinnvoll ist, das kapitalistische Zeitalter in verschiedene Phasen zu unterteilen, darf bezweifelt werden; unmittelbar einsichtig oder gar selbstverständlich ist es jedenfalls nicht. Wenn Historiker die Geschichte in Kapitel ordnen, die Überschriften tragen wie „Manchester-Kapitalismus“, „Fordismus“ und „Neoliberalismus“, ist jedenfalls Vorsicht angebracht. Die folgenden Ausführungen beschreiben den Zusammenhang von Proletarisierung und Automatisierung, um so den Begriff des digitalen Kapitalismus' präziser zu bestimmen.
Um sich zu reproduzieren, müssen kapitalistische Gesellschaften fortwährend wirtschaftliche Erschöpfungstendenzen überwinden und politische und soziale Konflikte bearbeiten. Kapitalistische Geschichte ist Krisengeschichte. Das Kapital hat in den letzten vier Jahrhunderten dabei eine beeindruckende Anpassungsfähigkeit an den Tag gelegt, allerdings: Es blieb ihm auch nichts anderes übrig. Das Kapital strauchelt, es fällt hin und steht wieder auf, oder, noch etwas anschaulich: Es stolpert die Treppe nach oben. Jede neue Phase, jedes neue „Akkumulationsregime“ (Michel Aglietta) brachte eine Steigerung der Produktivität mit sich – natürlich, denn das Produktivitätswachstum ist sowohl das Ziel als auch die Voraussetzung für diese Gesellschaftsform.
Die Steigerung der Produktivität beruhte auf vielen Neuerungen: eine effizientere Organisation der Produktion, aber auch der Reproduktion, darüber hinaus auf dem Erschließen immer neuer „natürlicher Ressourcen“ (sie hatte also auch ökologische Voraussetzungen, die möglicherweise nicht länger gegeben sein werden). Die Innovationsdynamik der kapitalistischen Gesellschaft betrifft Herstellungsverfahren, Materialien, Produkte, aber auch Unternehmensformen, staatliche Apparate, Familienstrukturen und unzähliges mehr.
Nehmen wir den Übergang von der Manufaktur zur großen Industrie. Bezogen auf die konkrete Arbeit vollzog er sich als allmählicher Prozess ohne abrupte Brüche. Der handwerkliche Charakter der Facharbeit blieb lange erhalten; in gewisser Weise erhält sich diese Handwerklichkeit bis heute. Das in den Großbetrieben der deutschen Metallindustrie im 19. Jahrhundert praktizierte Meistersystem gab dem gelernten Beschäftigten beispielsweise das Recht, über Neueinstellungen und Kündigungen seiner Zuarbeiter zu entscheiden. Stücklohn und Akkord spielten eine große Rolle. In gewisser Hinsicht arbeiteten diese Meister auf eigene Rechnung. Dies beschränkte den organisatorischen Zugriff der Unternehmensleitung.
Tatsächlich bildete sich ein betriebliches Management im heutigen Sinn nur langsam heraus, dieser Prozess dauert je nach Nation gut ein Jahrhundert. „Der Produktionsprozess ist in die Verantwortung des Kapitals übergegangen“, so charakterisierte Harry Bravermann den Weg vom Handwerker zum Industriearbeiter. Aber dieser Übergang dauerte viele Jahrzehnte und dauert in gewissem Sinne sogar weiter an. Heute mischen sich einige Unternehmen in die Lebensführung der Beschäftigten ein und machen ihnen Vorgaben für Ernährung und Sport, was viele als skandalösen Übergriff empfinden. So empfanden es auch die Arbeiter, denen der Ingenieur Frederick Taylor verbieten wollte, in Gruppen von mehr als drei Personen zusammenzustehen und miteinander zu sprechen.
Will sagen: das Management kann bestimmte Aspekte in seine Verantwortung übernehmen aber sich genauso gut für nicht zuständig erklären. Historisch betrachtet gab es beides, Manager haben den unmittelbaren Arbeitsprozess geradezu zwanghaft in allen Details überwacht und gelenkt – oder sich auf die Ergebniskontrolle beschränkt. Kapitalistisches Management muss pragmatisch sein. Die Existenz des Puddings lässt sich bekanntlich am besten beweisen, indem man ihn aufisst, wie ein englisches Sprichwort lautet, was in diesem Zusammenhang bedeutet, dass die Aktionen des Management die Profite steigern oder sichern müssen und Theorien und Prinzipien zweitrangig sind. Daher existieren, wenn überhaupt, nur sehr wenige langfristige historische Tendenzen innerhalb der kapitalistischen Lohnarbeit.

Was bedeutet proletarische Perspektive?

Es gibt die proletarische Perspektive nicht im Sinne des richtigen Standpunkts oder des angemessenen Verhaltens, wie manche, zeitweise viele Kommunisten einst glaubten. Der einzelne Proletarier hat nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen. Ihm bieten sich eigentlich nur Haltungen und Verhaltensweisen, die etwas weniger schlecht sind als andere, aber eben nie ganz richtig. Aber – und deswegen habe ich diese Formulierung gewählt –, die proletarische Perspektive im Sinne einer erlebten und durchdachten, reflektierten Erfahrung ist der beste Ansatzpunkt, um die bürgerlichen Ideologien der Gesellschaft zu verstehen und zu widerlegen.
Die proletarische Urerfahrung ist Verwundbarkeit und Ausgeliefertsein. Proletarierin zu sein bedeutet: nur die Wahl zu haben, entweder Lohnarbeit zu finden oder zu hungern – beziehungsweise heute sich der sozialstaatlichen Gängelung und Verachtung auszuliefern. Proletarier sein bedeutet notwendigerweise prekär zu sein, keine Sicherheit zu haben. Lohnabhängige sind Geld-Junkies, sie brauchen unbedingt ihren Stoff. Alle anderen Möglichkeiten sind ihnen genommen worden, ihr Leben zu erhalten. Daher müssen sie ihre Haut verkaufen und sich auf den Arbeitsmärkten anbieten.
Der Ausdruck Proletariat klingt altmodisch und weckt bestimmte Assoziationen: der ölverschmierte Blaumann, Männerarme mit dicken Muskeln, die Maschinenhalle und die Werksirene … eigentlich immer Bilder der Vergangenheit. Das Proletariat ist zu jeder Zeit immer wieder gerade passé. Deshalb möchte ich betonen, dass der Begriff nichts damit zu tun hat, ob die jeweilige Lohnarbeit körperlich anstrengend oder schmutzig oder anspruchslos oder würdelos ist. Ein Systemadministrator in einem Berliner Startup mit Obstschale und Nackenmassage kann durchaus unter den Begriff des Proletariats fallen oder eine eingewanderte Sexarbeiterin oder ein Physiotherapeut in einem Krankenhaus usw. Die hinreichende Bedingung lautet einfach: über keine Produktionsmittel und daher Einkommensquellen zu verfügen, mit Ausnahme eben der eigenen Arbeitskraft.
Diese Bestimmung trifft auf die Bevölkerungsmehrheit in Deutschland zu, mehr noch auf die Weltbevölkerung. Natürlich liegen buchstäblich Welten zwischen einer Textilarbeiterin in Bangladesch und einem bayrischen Mechatroniker bei Siemens. Das internationale Proletariat – bei Marx der „Gesamtarbeiter“– ist zerklüftet, tausendfach gespalten, voneinander durch nationale und kulturelle Grenzen isoliert. Das Proletariat ist in einer Arbeitsteilung verbunden, die es nicht kontrolliert. Aber es war niemals kulturell oder sozial homogen und auch keine männliche Angelegenheit, obwohl männliche Facharbeiter in langen Phasen die Arbeiterbewegung politisch dominierten. Die Kategorie entspricht auch keinem linken Täter/Opfer-Schema, sondern ist analytisch. Es geht schließlich nicht darum, ob die Lohnabhängigen produktive Arbeit leisten oder nur von Transaktionsgewinnen (über-)leben. Entscheidend ist ihr Verhältnis zum Arbeitsprozess: Proletarische Arbeit ist in einem präzisen Sinn entfremdet. Weder gehört der Arbeiterin das Produkt, das sie herstellt, noch kann sie ihren Arbeitsprozess kontrollieren. Proletarische Arbeit ist fremdbestimmt.
Auf dem Arbeitsmarkt verkauft die Proletarierin ihre Lebenszeit. Der Kapitalist kauft aber gerade nicht ihre Arbeit, sondern erwirbt lediglich das Recht, diese Arbeit anzuwenden, konkret: von 8 Uhr bis 16 Uhr darf er ihr Anweisungen geben (dies innerhalb gewisser institutioneller und rechtlicher Schranken). Zwei unvereinbare Interessen treffen hier aufeinander: Während der Kapitalist ein Maximum an tatsächlicher Arbeit herauspressen will, haben die Beschäftigen den Anspruch, dass ihre Arbeitskraft nicht durch Überlastung geschädigt und zerstört wird. Beide Interessen sind legitim. Die bürgerliche Gesellschaft definiert sowohl das Produktionsmittel als auch die Arbeitskraft als souveränen Besitz. Der Haken für die Proletarier: dabei handelt es sich um ihre eigene Existenz.
Aus dem Antagonismus der Interessen ergibt sich die Notwendigkeit für das Kapital, die Arbeit zu kontrollieren und zu lenken. „Wenn der Kapitalist Arbeitskraft kauft, die viel leisten kann, kauft er gleichzeitig eine unbestimmte Qualität und Menge“, heißt es bei Harry Bravermann. In der marxistischen Tradition wird diese Schwierigkeit das Transformationsproblem genannt, das heißt: die Schwierigkeit, gekaufte Arbeitszeit in tatsächlich geleistete Arbeit zu verwandeln. Das Transformationsproblem wird gelöst durch technisch-organisatorische Maßnahmen und rechtlich-bürokratische Mittel (etwa Arbeitsverträge, Arbeitsrecht), darunter, als das wichtigste Druckmittel, die glaubwürdige Drohung mit einer Entlassung.
In diesem Punkt unterscheiden sich die proletarischen Erfahrungen allerdings tatsächlich, je nachdem ob die Arbeit unter dem Kommando und damit in der Verantwortung des Kapitals stattfindet oder ob ein Proletarisierter quasi-unternehmerisch auftritt (sein eigener Chef und eigener Vorarbeiter ist). Sofern er aber in den kapitalistischen Produktionsprozess auf irgendeine Weise eingebunden ist, beispielsweise als Soloselbständiger, der Taxi für ein Taxiunternehmen fährt, kann sich das Kapital nur aussuchen, ob es entweder den Arbeitsprozess oder das Arbeitsergebnis kontrolliert. In der Regel tun die Unternehmen übrigens beides. Kurz, das Transformationsproblem bleibt entscheidend.

Wann begann die Automatisierung?

Die Fabrik war seit jeher ein Mischwesen. Sie besteht aus metallischen Zahnrädern, Motoren und Kabeln, aber eben auch aus Menschen mit Verstand, Willen und Gefühlen. Im Jahr 1835 beschrieb der schottische Wissenschaftler Andrew Ure die Fabrik seiner Tage als „ungeheuren Automaten, zusammengesetzt aus zahllosen mechanischen und selbstbewußten Organen“. Karl Marx war wie alle Ökonomen seiner Zeit fasziniert von der großen Industrie. Geradezu hingerissen schrieb er 1858 vom „automatischen System der Maschinerie, in Bewegung gesetzt durch einen Automaten, bewegende Kraft, die sich selbst bewegt; dieser Automat bestehend aus zahlreichen mechanischen und intellektuellen Organen, so daß die Arbeiter selbst nur als bewußte Glieder desselben bestimmt sind.“ Es ist kein Zufall dass solche Verschmelzungsphantasien an die Cyborg-Träume von heute erinnern.
Heutzutage drücken bereits die Namen der Maschinen aus, wie schlau sie angeblich sind. Vom Kühlschrank bis zur Brille, alles heißt smart, intelligent, kognitiv und automatisch. Aber auch die Eigeninitiative der Geräte ist keineswegs neu: „Selbsttätige Maschinen“ und „Automat“ waren im 19. Jahrhundert gängige Ausdrücke für die Anlagen der Textil- und Metallindustrie. Zum Beispiel hießen die Spinnmaschinen Mitte des 19. Jahrhunderts „Selfaktor“, weil die Zeitgenossen sie eben als selbsttätig empfanden. Diese Maschinen mussten sorgsam beaufsichtigt werden. Die Berufsbezeichnung der Textilarbeiter, die mit diesem Apparat arbeiteten, wandelte sich entsprechend zu „Selfaktor-Führer“ (selfactor minder) – und das ist ein bezeichnender Ausdruck, weil bis heute noch jeder Automat gelenkt, gewartet und repariert werden muss.
Die Kennzeichen des Automaten sind Signalverarbeitung und Programmsteuerung. Die erste programmgesteuerte Maschine entstand im 18. Jahrhundert in der französischen Textilindustrie. Es handelte sich um einen Webstuhl, bei dem das Muster des Stoffes nicht mehr von Menschen, sondern von Lochkarten geregelt wurde. Wie die Stifte auf der Walze einer Spieluhr eine Melodie erzeugen, so lenkten die Löcher in diesen Holzplatten die Nadeln und damit verschiedenfarbige Fäden und erzeugten so ein Gewebe, dessen Muster der Lochkarte entsprach. Der Erfinder übersetzte die gängigen Textilmuster des Gewerbes in Anweisungen auf einer digitalen Speicherkarte, die mechanisch abgelesen wurde.
Die Ingenieure machten das ihr Arbeitswissen der Weber „maschinenlesbar“, wie wir heute sagen würden; er verwandelte es in Daten. Die Kenntnisse der Weber wanderten sozusagen in die Maschine hinein. Die Aktionen von Automaten können in einer festgelegten Reihenfolge (Ablaufsteuerung) oder von bestimmten Signaleingängen ausgelöst werden. Damit verändert sich die Rolle der Arbeiterinnen und Arbeiter. Fortan dürfen sie wissen, was die Maschine weiß, aber sie müssen es nicht unbedingt. Die Geschichte der Rationalisierung ist gleichzeitig eine Geschichte der Digitalisierung (also: der Maschinenlesbarkeit), die bis heute andauert und mittlerweile erstaunliche Fortschritte gemacht hat.

Digitaltechnische Kontrolle der Arbeit

Weil der kapitalistische Arbeitsprozess durch das erwähnte Transformationsproblem bestimmt ist – die Anwendung entfremdeter Arbeit –, dient die Maschinerie nicht einfach nur einer möglichst großen oder fehlerfreien Produktion. Die Maschinen sind nicht nur Produktionsmittel, sondern auch Ausbeutungsmittel; sie dienen nicht nur der Produktion von nützlichen Dingen – was vielfach ja überhaupt zweifelhaft ist – sondern sie dienen der Produktion von Profit. Wie oben bereits erwähnt, löst das Kapital das Transformationsproblem auch mithilfe technischer Kontrolle. Die industrielle Fließfertigung beispielsweise ordnet die Arbeitsschritte in Raum und Zeit und trägt zu ihrer Kontrolle bei. Technik ist die Oberfläche der Arbeitsteilung. Grundsätzlich kann die Arbeit getaktet oder dokumentiert werden (oder beides). Die moderne Datenverarbeitung eröffnet nun ganz neue Möglichkeiten für die Taktung und Dokumentation – und dies macht meiner Ansicht nach den sogenannten digitalen Kapitalismus im Kern aus.
Die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff bringt die Eigenheit der digitalen, „intelligenten Maschinen“ folgendermaßen auf den Punkt: „Computergestützte, numerisch gesteuerte Maschinen oder Sensortechnik übermitteln nicht nur die programmierten Anweisungen an die jeweilige technische Anlage, sondern sie übersetzen ihren gegenwärtigen Zustand in Daten.“ Eine datenverarbeitende Maschine wie eine Scannerkasse im Supermarkt dient nicht nur dazu, eine Arbeit auszuführen, sondern dokumentiert gleichzeitig die Arbeitshandlung. Die automatisch anfallenden Informationen können zu Kennzahlen zusammengefasst, ausgewertet und zur Grundlage für Aktionen des Managements werden.
Digitale Daten aus dem Arbeitsprozess sind aber umso aussagekräftiger, je wichtiger die programmgesteuerten Maschinen für den tatsächlichen Arbeitsvollzug sind. Die Arbeit und ihr Abbild können nahezu identisch sein wie beim Kassieren mit einer Supermarktkasse (wobei kreative Angestellte mittlerweile gewisse Schlupflöcher gefunden haben). Der Zusammenhang zwischen digitaler Dokumentation und tatsächlichem Arbeitsvollzug kann aber auch fast willkürlich sein, wie in der Krankenpflege, wenn die Beschäftigten auf einem Handheld-Computer eintragen, was sie (angeblich) getan haben und durch die ganze Organisationsweise geradezu zum Lügen gezwungen werden. Wenn die Beschäftigten dann allerdings Hebemaschinen oder Sensormatratzen benutzen, wächst die digital erzeugte Transparenz. Je zentraler die digitale Arbeitsmaschine für den Arbeitsvollzug, umso aussagekräftiger ist das erzeugte Datenabbild. Durch die zunehmende Vernetzung und Programmsteuerung der Arbeitsmaschinen wachsen entsprechend die Möglichkeiten zur automatisieren Überwachung.
Der Kern der neuen Arbeitsregime ist nun, die Auswertung dieser Daten und damit Management-Aufgaben zu automatisieren. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz ist es möglich, Verhaltensmuster und Probleme ohne menschliches Zutun zu detektieren. Oft, wahrscheinlich sogar in den meisten Fällen, wird nicht etwa ein Abschnitt innerhalb des Produktionsprozesses automatisiert, sondern vielmehr automatisch eine Anweisung an die Beschäftigen erzeugt. So sinkt der Anteil der menschlichen Arbeit beispielsweise bei den neuen Fahrradkurieren von Deliveroo oder Foodora kein bisschen, sehr wohl aber der Aufwand des Managements, um ihnen Aufträge zu erteilen, ihre Arbeit zu beurteilen und soar sie zu sanktionieren.
Viele der aktuellen Automatisierungsprojekte zielen auf ein solches „algorithmisches Management“. Nicht ausreichend zwischen der Automatisierung der Arbeit und der Automatisierung des Managements zu unterscheiden, ist der Kardinalfehler in der neuen Automatisierungsdebatte. Denn wir haben es schließlich mit zwei sehr unterschiedlichen Ansätzen für die Rationalisierung zu tun, die ganz unterschiedliche Folgen mit sich bringen. In dem einen Fall übernimmt die Maschinerie eine Einzelarbeit. Die verbleibenden Menschen werden zu Maschinenführern oder Maschinenbedienern (ihre Tätigkeit kann dadurch sowohl anspruchsvoller als auch einfacher werden). Im anderen Fall ändert sich die Tätigkeit „nur“ insofern, als dass sie beschleunigt und standardisiert wird.

Eine neue Qualität?

Wenn ich den sogenannten digitalen Kapitalismus betrachte, entdecke ich wenig Neues, dafür aber viel mehr vom selben: mehr Unsicherheit, mehr Vermarktlichung innerhalb und außerhalb der Betriebe, härtere Arbeit durch Verdichtung („relative Mehrwertproduktion“) und Verlängerung („absolute Mehrwertproduktion“). Der digitale Kapitalismus läutet keine neue Epoche ein, daher bleiben die Grundkategorien der politischen Ökonomie gültig: Kapital, Arbeit, Wert, Produktivkraft, formelle und reelle Subsumption. Was an diesen Begriffen unklar und unterbestimmt ist, war es auch bereits vor dem Mikroprozessor und dem Künstlichen Neuronalen Netz. Ja, wir brauchen eine politische Ökonomie auf der Höhe der Zeit. Was wir nicht brauchen, ist eine „Theorie der Digitalisierung“. Es wird nicht alles digital, wie es oft heißt. Vielmehr entsteht ein digitales Abbild, das detaillierter und aussagekräftiger wird, ein Modell von Produktion, den Produktions- und Reproduktionsverhältnissen. Die Welt wird (tendenziell) maschinenlesbar. Den Unternehmen stehen Maschinenlernen, Robotik und vor allem die Massendaten durch das (mobile) Internet für die Rationalisierung und Automatisierung zur Verfügung. Eine gewaltige Veränderung, die den Weg für neue Arbeitsregime bereitet – aber eben eine Veränderung innerhalb des späten Neoliberalismus.
Welche Folgen lassen sich feststellen? Weitere Arbeitsprozesse können aufgespalten und kleinteilig gelenkt werden. Nach den jüngsten Zahlen für Deutschland werden in 17 Prozent aller Betriebe einzelne Arbeitsschritte digital erfasst. Besonders verbreitet ist dies bei den Finanzdienstleistungen und Versicherungen (37,2 %) und in der Investitionsgüterindustrie (23,7 %). Computergesteuerte Zeit- und Kennzahlenvorgaben sind mittlerweile in der Hälfte aller Betriebe prinzipiell möglich. Tatsächlich angewandt werden sie in der industriellen Produktion in jedem vierten Unternehmen, im Handel in jedem fünften Unternehmen.
Arbeitsformen und Kontrollpraktiken, die aus der Industrie stammen, verbreiten sich in anderen Branchen, zum Beispiel in der Pflege, der Bildung oder im Einzelhandel. Dazu gehört Standardisierung und Vereinfachung (Dequalifizierung).
Die Arbeit wird nicht nur individuell dokumentiert und die Leistungen bewertet, sondern auch praktisch vereinzelt. Die selbstbestimmte Arbeitsteilung unter einander und die Kooperation miteinander werden für das Management sichtbar. Durch die Verdichtung und Beschleunigung bleibt weniger Zeit, um miteinander zu reden, sich kennenzulernen, ein Gemeinschaftsgefühl und Solidarität zu entwickeln.
Das Management suchte immer schon nach der perfekten Mischung aus Kooperation und Konkurrenz. Heute kann es auf der Datengrundlage den Erfolg oder Misserfolg von Leistungsanreizen oder Prämien überprüfen. Bestimmte Management-Aufgaben wie zum Beispiel die Qualitätskontrolle, die Disposition oder teilweise sogar die Sanktionen können algorithmisch abgewickelt werden.
Die Debatte über die Zukunft der Arbeit kreist bisher einseitig um die abstrakten Potentiale der Informationstechnik, ohne das Transformationsproblem systematisch zu bedenken. Der gängige technikzentrierte Blick wirkt bis in die Linke hinein. Die Maschinerie im digitalen Kapitalismus ist totes Kapital (in Gestalt der formwandelnden Maschine), aber auch eben verdinglichtes Wissen (in Gestalt der Software). Künstliche Intelligenz vertieft die Arbeitsteilung, vielleicht hebt sie diese an der ein oder anderen Stelle auf ein neues Niveau. Bekanntlich muss ein Beschäftigter heute nicht mehr unbedingt wissen, wie die Computerprogramme funktionieren, die ihn lenken, oder welche Informationen sie dabei zugrunde legen. Das Wissen anderer Menschen, die diese Software abbildet, tritt ihm im Arbeitsprozess als Fähigkeit des Kapitals entgegen. Eben das meinte Karl Marx wohl mit dem Begriff „Kapitalfetisch“ – eine scheinbare Autonomie, hinter der sich menschliche Arbeit verbirgt, die auch in der eigenen konkreten Arbeit wirkt.

Automatisierung für wen und für was?

Das Verhältnis von Autonomie und Fremdbestimmung zwischen Lohnarbeit und Gerät ist komplex. Es darf nicht nach einer Seite hin vereindeutig werden, wie es etwa Marx mit seiner unglücklichen Formulierung vom Arbeiter als einem „bloßen Anhängsel der Maschinerie“ tat. Die Lohnarbeiter wenden Maschinen an, die gleichzeitig sie anwenden sollen. Sie müssen sie kontrollieren können – sonst ist ihre Arbeit überflüssig – aber gleichzeitig werden sie (über die datenproduzierende Maschine) vom Management kontrolliert. Die Lohnarbeit ist das denkende Werkzeug, der autonome Diener des Kapitals, so wie es die Automaten versprechen. Roboter wären tatsächlich die besseren Arbeiter, wenn sie nur nicht so furchtbar dumm wären.
In der Entscheidung, welche Automatisierung wir haben wollen, steckt die Frage, wie wir arbeiten und leben wollen. Die materielle Gestalt der kapitalistischen Maschine ist geprägt davon, dass sie auch dazu dient, die lebendige Arbeit zu kontrollieren und Mehrwert auszusaugen. Aber darin erschöpft sich ihr Gebrauchswert nicht; sie hat nicht nur Gebrauchswert für das Kapital, sondern auch darüber hinaus. Die Frage, welche Tätigkeiten automatisiert werden sollten und welche nicht, lässt sich daher nicht pauschal beantworten – schon deshalb nicht, weil bei dieser Entscheidung immer unterschiedliche Interessen aufeinander treffen werden.
Die Arbeit hat einen Gebrauchswert für den Arbeiter: Sie kann beglückend oder erniedrigend sein, stumpf und monoton oder erfüllend. Die Arbeit hat aber auch einen Gebrauchswert für die Gesellschaft. Die jeweils berechtigten Interessen beider Seiten können nicht durch eine autoritäre "richtige Entscheidung" ein für alle Mal versöhnt werden. Zwischen dem besonderen und allgemeinen Interesse bleibt ein Unterschied, auch in einer nachkapitalistischen Gesellschaft. „Zum ersten Mal werden wir in der Lage sein, uns zu entscheiden, was wir wollen“, charakterisierte Herbert Marcuse einst nüchtern die Abschaffung des Kapitals. Viel mehr zu versprechen, wäre unehrlich.
In vielen Fällen wird ein Trade-Off bestehen zwischen einer effizienten, schnellen und ressourcensparenden Produktion einerseits und einer autonomen, erfüllenden und kreativen Arbeit andererseits. Diese Differenzen müssen bei der Planung der Produktion ausgehalten und ausgetragen werden. Sie zu leugnen oder zu eskamotieren, kennzeichnet viele der linksliberalen Utopien, wie die jüngste vom „vollautomatisierten Luxuskommunismus“. Diese Abwehr ist viel problematischer als die technische und naturwissenschaftliche Naivität, die bei wirklich phantasievollen Gesellschaftsentwürfen möglicherweise unvermeidbar ist. Das Ende des Kapitals kann nicht das Ende der Arbeit sein – und das hat Folgen für die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, Herrschaft abzubauen. Natur muss immer noch angeeignet und Produktionsbedingungen hergestellt werden. Dass es sich dann bei diesen Tätigkeiten nicht mehr um „Arbeit im kapitalistischen Sinn“ handeln soll, ist nur eine Spitzfindigkeit. Sie umgeht die eigentliche Frage nach dem Charakter der Fremdbestimmung: wird sie vom Kapital oder gesellschaftlich-kollektiv ausgeübt?
Der Gebrauchswert meiner Arbeit für mich besteht auch darin, dass sie einen Gebrauchswert für die anderen hat. Damit habe auch ich – prosaisch, aber wahr – einen Gebrauchswert für die Gesellschaft: ich mache mich nützlich. Der kapitalistische Arbeitszwanges mit der dazugehörigen Moral, derzufolge nur essen darf, wer auch gearbeitet hat, muss überwunden werden. Arbeit und Anerkennung vermittels Arbeit bleiben notwendig.

 

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